Mit dieser Erklärung stellt sich der Landesverband Hessen der Sozialistischen Deutschen Arbeiter Jugend (SDAJ) entschieden gegen die Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille an den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Wir fordern vom hessischen Landtagspräsidenten sowie von allen anderen Mitgliedern dieses Parlamentes, welche maßgeblich an der Verleihung sowie an der Auswahl der EmpfängerInnen beteiligt sind,  in Zukunft eine sorgfältigere und umsichtigere Wahl der PreisträgerInnen sowie eine sofortige Rücknahme der Preisverleihung an wie die Nominierung von Roland Koch!

Es gilt das antifaschistische Wirken und das Erbe von Wilhelm-Leuschner zu bewahren und seine Ermordung durch die faschistischen Henker – in Berlin Plötzensee 1944 – für heutiges antifaschistisches Engagement in Erinnerung zu rufen.

Leuschner, welcher einem proletarischen Elternhaus entstammte und das Handwerk des Holzbildhauers erlernte, trat 1913 in die SPD ein. Er engagierte sich für und in den Gewerkschaften, saß ab 1924 im hessischen Landtag für die SPD und vertrat die Angelegenheiten der Arbeiterklasse gegen das Kapital in zahllosen, parlamentarischen  Auseinandersetzungen (bspw. um die Arbeitslosenversicherung). Ab 1928 betätigte sich Leuschner als hessischer Innenminister und kämpfte für die Demokratisierung der kommunalen Verfassung in Hessen.

Früh wurde er ein entschiedener Gegner des deutschen Faschismus. Nachdem er noch im Januar 1933 in den Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt wurde, musste er nach der „Machtübertragung“ an die faschistischen Schergen zurücktreten. Nach der standhaften Verweigerung einer Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsfront (Gewerkschaften des faschistischen Staates), wurde Wilhelm Leuschner nach dem Verbot der SPD in diversen Gefängnissen und Konzentrationslagern interniert und gefangen gehalten. Auch unter den Bedingungen der Haft oder der Illegalität gab er den Kampf gegen den Faschismus nicht auf, sondern versuchte zu anderen ehemaligen Gewerkschaftsführern Kontakt aufzubauen sowie den Widerstand zu einen. Im Kontakt zum Kreisauer Kreis beteiligte sich Wilhelm Leuschner an den verbotenen Beratungen über ein antifaschistisches Nachkriegsdeutschland und pflegte Kontakt zu den militärischen Verschwörern vom 20. Juli 1944 um Graf Staufenberg. Durch eine Denunzierung kostete ihn sein engagiertes und progressives Verhalten das Leben. Trotz Folter der GeStaPo schwieg er über potenzielle Mitkämpfende bis zum bitteren Ende.

Roland Koch verkörpert für uns – junge Kommunistinnen und Kommunisten – das klare Gegenteil vom Antifaschisten Wilhelm Leuschner. Als Preisträger der Wilhelm-Leuschner Medaille ist er für uns inakzeptabel. Koch polemisierte in seinen Wahlkämpfen stets durch rassistische Hetze, trat für Abschiebungen „krimineller Ausländer“ ein und war ein entschiedener Gegner der Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts (=doppelte Staatsbürgerschaft). Er führte die Studiengebühren von 500-1000 Euro pro Semester wieder ein, betrieb den Abbau des flächendeckenden Tarifvertrages, erhöhte die zulässigen Arbeitsstunden (auf 42 Stunden!) für Beamtinnen und Beamte, unter seiner Regie wurde das Zentralabitur sowie G8 für Hessen eingeführt und er privatisierte zahllose Krankenhäuser sowie weitere öffentliche Einrichtungen.

Während seiner politischen Laufbahn war er ein treuer und geschätzter Vertreter der Interessen des Kapitals, er verteidigte deren Ansichten und Ideen gegenüber der Arbeiterklasse und den Gewerkschaften. Für seine Schandtaten verdient der Multimillionär keine Medaille, sondern die strikte Verachtung der Schüler- und Studierendenschaft, der Angestellten im öffentlichen Dienst und aller anderen arbeitenden Menschen!

Nach der Spendenaffäre in der CDU um den hessischen Wahlkampf von 1999, in welcher illegale Parteispenden als „Erbe verstorbener Juden“ deklariert worden waren, musste sich Roland Koch öffentlich erklären, trat jedoch nicht zurück. Nur 6 Jahre später musste er sich vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss verantworten, da er angeblich die Nichtteilnahme der Freien Wähler Hessen an den Wahlen durch „finanzielle Zusagen“ erkauft hatte – erneut ohne die persönlichen Konsequenzen zu ziehen.

Zum 31. August 2010 trat Roland Koch aus der aktiven Politik und von seinem Amt als hessischer Ministerpräsidenten ohne konkrete Angaben von Gründen zurück. Es lockten die Rufe der deutschen Monopole (und großzügige Bonuszahlungen). Koch übernahm ab Oktober 2010 (2 Monate nach seinem Ausscheiden!) den Aufsichtsratvorsitz des großen Bauunternehmens Bilfinger Berger, hinzu kam ein Posten im Aufsichtsrat der Bank UBS und seit 2015 sitzt Roland Koch auch im Aufsichtsrat von Vodafone. Staatsmonopolistischer Kapitalismus in personalisierter Reinkultur – ein Schelm wer Böses dabei denkt…

Gegen die Verleihung antifaschistischer Preise oder Medaillen an Vertreter der herrschenden Klasse und des deutschen Imperialismus und Rassisten!

SDAJ Hessen im Dezember 2017

Anmerkung: Die frühere Preisträgerin Lucie Kurlbaum-Beyer gab ihre Medaille aus Protest über die Verleihung an Roland Koch in den vergangenen Tagen zurück.